Über diese Folge
Chatten, Surfen, Bloggen – jedes Kind weiß heute, was das bedeutet. Jedes Kind? 79 Prozent der Weltbevölkerung sind von der so selbstverständlich scheinenden Informationstechnologie abgeschnitten.
"Digitale Apartheid" nennt der Brasilianer Rodrigo Baggio diesen Zustand. Als Hilfsorganisationen in Brasilien noch darauf gepolt waren, arme Bevölkerungsschichten mit Nahrung und Kleidung zu versorgen, sah Baggio eine ganz andere Notwendigkeit: Den Zugang zum Internet, den Umgang mit Computern. Viele hielten ihn für verrückt, als er 1995 sein "Komitée für die Demokratisierung der Informatik" gründete. Heute ist diese Organisation ein ausgetüffteltes multinationales Netzwerk mit über 800 Computerschulen in sieben lateinamerikanischen Ländern.
GLOBAL 3000 zeigt, welche Wirkung dieses "Unternehmen" in Rio de Janeiro, der Heimat Baggios, hat.
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Es ist Sonntag und wir besuchen Rodrigo Baggio und seinen Sohn Filipe zu Hause. Filipe ist vor der Kamera ein bisschen schüchtern, aber am Computer ist er mit seinen 9 Jahren schon ein kleiner Profi. Sein Vater Rodrigo erklärt: "Bei Filipe mache ich mit gar keine Sorgen, denn seine Welt ist voller Technologie – er wächst auf mit Internet, Computern in der Schule, so dass wir die gemeinsame Freizeit auch gerne mal anders verbringen."
Genauso alt wie Filipe ist die kleine Greicielen. Sie hat 5 Geschwister. Der einzige Bildschirm, der in ihrem beengten zu Hause flimmert ist der Fernseher. Ihre Brüder gehen gleich noch in die Schule – Greicielens Unterricht fällt heute aus, denn ihre Lehrerin, erzählt sie, muss etwas erledigen. Die Mutter Joselina arbeitet als Putzfrau und bringt die Kinder alleine durch. Es beruhigt sie, dass Greicielen heute noch in die Computerschule gehen kann – dann ist sie nicht auf der Straße. "Ich bin froh, dass sie alle gerne in die Computerschule gehen, manche Kinder mögen das ja auch nicht – aber meine lieben den Unterricht. Ich unterstütze das sehr. Meine älteste Tochter hat die Computerschule auch lange besucht, jetzt macht sie eine Ausbildung, sehr fleißig, sie bereitet mir keine Sorgen."
Joselinas Kinder wissen nicht, dass die besagte Computerschule Rodrigos Idee ist. Sie haben keine Vorstellung, dass ihre Schule nur eine von über 700 in Brasilien ist. Zu dieser hier am Fuß der Favela Providencia hat Rodrigo eine besondere Beziehung. Sie ist eine der ältesten und funktioniert seit 10 Jahren. Hier bekommt Rodrigo gleich mal erklärt, wozu man Computer braucht. Man muss nämlich einfach nur klicken und schon hat man jede Menge Jobs.
Schulen werden auch immer mal wieder geschlossen, wenn sie den pädagogischen Anspruch nicht erfüllen. Die Kinder lernen mehr als den Umgang mit der Technik – kritisch Denken, Dinge Hinerfragen, all das gehört zum Konzept. Spielen muss auch sein, sagen die Lehrer, sonst verlieren sie die Lust. Die Erzieher müssen auch die massiven Defizite der staatlichen Schulen aufgefangen. Oft können Kinder in fünften Klasse noch nicht lesen und schreiben. Auf die Frage warum sie Lehrerin werden will, antwortet Greicielen: "Weil es elegant ist."
Rodrigo, der Mann aus der wohlhabenden Südstadt, weiß: Der Erfolg seiner Arbeit hängt von den Lehrern und Erziehern ab, die immer aus dem sozialen Umwelt der Schüler kommen. Mario Chagas, Koordinator an der Computerschule, ist sich der Wichtigkeit seiner Arbeit bewusst: "Diese Kinder leben in einem gewalttätigen System, das spüren sie täglich. Aber sie wissen weder, mit WEM noch WIE sie darüber reden sollen. Diese Schule hier ist also auch ein Instrument, die Sprachlosigkeit zu überwinden." Und Rodrigo Baggio ergänzt: "Alle paar Wochen werden Geschichten an uns herangetragen, von Leuten, die durch die Computerschulen aktiv werden, bei denen sich etwas bewegt. Wir reden hier von Beispielen wie: Eine Gruppe tut sich zusammen und säubert den Fluss in ihrer Gemeinde. Sie gründen Initiativen und schaffen ein Recycling-System für ihren Müll. Das alles zeigt doch, dass sich die Leute durchaus motiviert fühlen können, etwas an ihrer Realität zu verändern - statt die Arme zu verschränken und auf die Hilfe vom Staat oder von Gott zu warten."
In der Jugendhaftanstalt am Rande von Rio de Janeiro sitzen die meisten Jungs wegen schwerem Raubüberfall und Drogenhandel. Wer hier landet, hat vielleicht noch eine Chance. Computerschulung gibt es hier täglich – heute mit Wanderson. Wanderson macht diesen Job jetzt seit einem Jahr. Die Jungs respektieren ihn, denn er ist einer von ihnen. Über seine Familie ist er mit 12 Jahren in den Drogenhandel eingestiegen, viele seiner Freunde leben nicht mehr. Heute ist er 19 und versucht mühsam sein Leben neu zu ordnen. Er erzählt: "Wenn neue Jungendliche inhaftiert werden, dann fragen sie mich: Alter, du hast doch auch gesessen, wie wir – jetzt gibst du Unterricht, wie hast du das gemacht? Wir reden ja viel untereinander, ich sage rück mal deinen Kopf zurecht und wach auf. Ich glaube daran, dass man eine Wahl in Leben hat." Wanderson hat seine Chance genutzt.
In diesem gelben Altstadthaus treffen wir Rodrigo noch ein Mal. Es ist das Herz aller Computerschulen. CDI steht für Komitee zur Demokratisierung der Informatik: Rodrigo ist in seinem Element – rastlos und mit einer gewissen Obsession treibt er das sein System voran: Mehr Geldgeber an Land ziehen, für neue regionale Büros, die wiederum neue Computerschulen gründen. "Das Modell ist so angelegt, dass es sich ständig selbst vervielfältigt," erklärt der Social Entrepreneur. "Unsere Vision ist, jetzt neue Märkte zu erobern, den Nahen Osten, Osteuropa, Afrika und auf diese Weise noch wirkungsvoller zu arbeiten. Auf unserem Planeten sind noch immer 79 Prozent der Bevölkerung von dieser technischen Entwicklung ausgeschlossen. Nur 1,4 Milliarden Menschen haben Zugang zum Internet. Dieser Zustand muss sich ändern."
Wie schwer diesen Vorhaben ist, zeigt ein Blick auf die Straßen von Rio. Gerade mal ein paar hundert Meter trennen Welten.
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